Bleiben

Wenn ich eine Fähigkeit des Zaubermanns benennen müsste, die mehr als alle anderen zu meiner Heilung beigetragen hat, dann ist es seine Fähigkeit zu bleiben. 

Im Kontakt zu bleiben. Ansprechbar zu bleiben. Offen zu bleiben. Liebevoll zu bleiben. Präsent zu bleiben. 

Ich bin damit groß geworden, dass meine Mutter mich mit Liebesentzug gestraft hat, wenn ihr etwas nicht passte. Dass sie sich emotional und körperlich entzogen hat, wenn sie wütend auf mich war, oder ein bestimmtes Verhalten von mir erzwingen wollte. Dass sie nicht mehr mit sprach, vollkommen aus der Kommunikation rausging. 

Heute weiß ich, dass es für unser Nervensystem das schlimmste ist, was uns passieren kann. Ignoriert und nicht beantwortet zu werden, verursacht sogar noch größeren Stress in unserem inneren System, als geschlagen oder angeschrien  zu werden. 

Ich weiß noch, wie ich als Kind mal heulend vor meiner Mutter auf die Knie gefallen bin (!) und sie angefleht habe, doch bitte bitte wieder mit mir zu sprechen.

Es fühlte sich an wie sterben, dass sie mich so vollkommen missachtete und ignorierte. 

Die Beziehung zu meinem Ex-Freund war in vielen Bereichen eine Re-Inszenierung dieser Urwunden – denn auch er zog sich emotional immer wieder zurück, sprach tage- oder sogar wochenlang nicht mit mir, antwortete nicht auf meine Nachrichten usw. 

Manchmal reichte schon ein „falscher“ Blick von mir,  um sich zwei Wochen zurück zu ziehen, und nicht mehr mit mir in Kontakt zu gehen (also das war natürlich nicht der wahre Grund, aber die offizielle Begründung). 

Und dann war da plötzlich ein Mann, der blieb. 

Der bei Meinungsverschiedenheiten nicht aufsprang und einfach wegging, sondern der meine Hand hielt (!), während wir darüber sprachen., was uns in dem Moment trennte.

Der in einer Situation zwar so genervt von mir war, dass aufstand und den Raum verließ, mir ein paar Minuten später aber wortlos einen Tee brachte. 

Der sich nach einer völlig unsinnigen Diskussion vor dem Einschlafen zwar genervt von mir wegdrehte, hinter seinem Rücken aber trotzdem nach meiner Hand tastete, um sie im Schlaf zu halten. 

Der mir nie eine Umarmung verweigerte und immer ansprechbar war, egal wie genervt er von mir oder der Situation war.

Der meine Gefühle halten konnte, auch wenn er sie nicht verstand, anstatt mich dafür zu verurteilen. 

Der mit mir diskutierte, obwohl er Diskussionen hasste. 

Der, wenn die letzten zwanzig Wege und Versuche nicht geklappt hatten, nach dem einundzwanzigsten suchte, anstatt hinzuwerfen.

Ich kann die Momente und Situationen gar nicht zählen, in denen (gerade in der Anfangszeit) mein Ego und meine Angst mit sagten: „Also jetzt sagt er bestimmt gleich, dass er darauf keine Lust mehr hat“ – und er dann genau das Gegenteil tat. 

Er blieb, wenn ich laut wurde. Er blieb, wenn ich weinte. Er blieb, wenn ich Schmerzen hatte. Er blieb, wenn ich nichts sagen konnte, weil ich keine Worte fand um mich zu erklären. 

Manchmal saßen wir einfach nur schweigend da, während ich weinte.
Aber er war da.

Und jedes Mal ging etwas in mir in Heilung. Jedes einzelne Mal war eine wiedergutmachende Erfahrung, durch die sich eine alte Wunde in mir endlich schließen konnte.

Bleiben statt Kontaktabbruch. So krass einfach, dieses Konzept. 

So neu und ungewohnt für mich, dass ich mir oft vorkam, wie ein staunendes Kind, das mit offenen Mund dasteht: So kann das auch sein??! 

Ich erkannte meine eigenen Fluchttendezen, die ich mir irgendwann als Schutzreaktion angeeignet hatte. (Wenn der andere eh geht, dann gehe ich als Erste, dann tut es nicht so weh und ich habe zumindest noch die Illusion einer gewissen Kontrolle). 

ich erkannte meine Sucht nach Schmerz; wie gewohnt mein System an Ablehnung und Zurückweisung war, dass ich es manchmal kaum aushalten konnte, dass er einfach blieb.

Wie ich regelrecht auf Ablehnung und Zurückweisung wartete, weil ich mich darin einfach so gut auskannte. Darin war ich sicher, dort kannte ich meinen Text. 

Dass jemand auf diese Weise blieb, war neu; und alles was neu ist, ist erstmal mit Unsicherheit verknüpft. Wir sehnen uns so sehr nach etwas, können es aber oft gar nicht (aus-) halten, wenn wir es dann wirklich bekommen. 

Und so heilt sein Bleiben nicht nur meine Wunden, es zeigt mir auch, wo ich selbst noch nicht da bin, wo ich gerne wäre. 

So wie er umgekehrt zu mir sagt: „Danke, dass du mir auch die Dinge sagst, die ich nicht hören will.“ 

Bleiben ist ein riesiges Thema für mich, auf so vielen Ebenen – vor allem auch, bei mir selbst zu bleiben. War meine Identität doch mein ganzes Leben lang daran geknüpft, hilfreich für andere zu sein (und darum zu bleiben, egal ob es mir gut tut, oder nicht), lerne ich seit ein paar Jahren, mich selbst nicht mehr zu verlassen. 

Und auch dabei hilft mir die Verbindung zum Zaubermann; auch und vor allem in den Bereichen, in denen es schwierig ist zwischen uns. Hier darf ich lernen zu unterscheiden: 

Wann muss ich gehen, um bei mir zu bleiben? 

Wann ist mein Gehen eine Flucht, und wann Selbstfürsorge? 

Wann ist Bleiben so viel mutiger als Gehen, weil es alte Muster und Strukturen sprengt? 

Was würde ich tun, wenn ich keine Angst hätte, und mich nicht vor neuem Schmerz schützen möchte?

Und was würde die Liebe tun – die Liebe zu mir, zu ihm, zu uns? 

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Warte kurz, bevor du gehst:
Möchtest du regelmäßig Neuigkeiten zum Thema Loslassen und innere Heilung erhalten?

Dann melde dich noch schnell für meinen Newsletter an! :-)

🔐 Ich gehe achtsam mit deinen Daten und werde sie niemals verkaufen oder an Dritte weitergeben! Der Versand der Newsletter erfolgt mittels GetResponse, bei dem auch deine E-Mail-Adresse und weitere Informationen zum Versand und zur Analyse der Newsletter gespeichert werden. Wenn du mir oben deinen Vornamen angibst (eine freiwillige Angabe), dann verwende ich diesen zur Personalisierung des Newsletters. Wenn du dich oben einträgst, dann erhältst du von mir eine E-Mail, in der du um Bestätigung der Anmeldung gebeten wirst. Mit deiner Anmeldung willigst du auch in die Auswertung ein, mit der ich messe, wie häufig der Newsletter geöffnet wird und auf welche Links die Leser klicken – damit kann ich den Newsletter für dich optimieren. Ausführliche Informationen zum Versandverfahren und den Statistiken sowie zu deinen Widerrufsmöglichkeiten findest du in meiner Datenschutzerklärung.